Walter Kohl „Leben oder gelebt werden“

Raus aus dem Opferland, dachte sich Walter Kohl, als er dieses Buch schrieb. Raus aus dem Schatten seines Vaters, aus den Fängen der Kohlianer, aus dem Muff der verlogenen Idylle. Der „Sohn vom Kohl“ hieß er immer; eine eigene Identität, eigene Bedürfnisse, eigene Ansprüche waren nicht erwünscht. Die Politik und die Partei standen stets an erster Stelle – die Familie hatte stets das Nachsehen, musste sich unterordnen unter den Kontroll-Freak Helmut.

„Leben oder gelebt werden“ heißt der Titel des autobiographischen Buches von Walter Kohl. Er musste sich zwischen diesen beiden Optionen entscheiden. Den Selbstmord hatte er schon geplant – getarnt als Taucherunfall. Der Schmerz über den Verlust eines engen Freundes und seiner Mutter sowie das Gefangensein in seiner passiven Rolle als Kohl-Sohn trieben ihn an den Rand der Verzweiflung. Walter Kohl hat sich entschieden – für ein Leben nach eigenen Regeln, für Selbstbestimmung, für die Freiheit. Dazu musste er mit dem Vater brechen. Dadurch konnte er sich aber auch mit ihm versöhnen.

Es hat lange gedauert. Mit knapp 50 Jahren wagt er den Befreiungsschlag, schreibt sich alles von der Seele – therapiert sich selbst. Und das in aller Öffentlichkeit. Das Buch ist ein Bestseller. Etliche Leser fühlen mit ihm, verstehen seine Situation. Manche fragen aber auch – musste das sein? Hätte er das nicht ganz privat für sich lösen können?

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